Nov 072021
 
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Ich habe den armen General Hake verloren. Mir bleibt jetzt fast niemand mehr aus der Zeit des verstorbenen Königs, und ich hänge offen gesagt stets an meinen Bekannten. Der Verstorbene war durch und durch ein Ehrenmann und wackerer Officier. Könnte Ich ihn wieder zum Leben erwecken, Ich thäte es gern.“ So schreibt Friedrich der Große am 19. August 1754 an seine Schwester Wilhelmine von Bayreuth über den Tod des Generalleutnants und Stadtkommandanten von Berlin, Hans Christoph Friedrich Graf v.Hacke (1699-1754). Der so berührend gewürdigte Namensgeber des Hackeschen Marktes war für Friedrich II. in der Tat ein alter Bekannter aus den Zeiten des Soldatenkönigs und ein heute zu Unrecht weitgehend vergessener treuer Gefolgsmann beider Monarchen, der in besonderer Weise auch mit dem Jagdschloss Stern verbunden ist. Für uns Grund genug, hier an ihn zu erinnern. Sehr lesenswert ist auch die jüngst erschienene Biografie des Hans Christoph Friedrich v.Hacke von Dieter Mechtel (Trafo Verlag 2020), der mit dem Leitwort „Ich will auch fleißig aufpassen“ Stationen und Episoden aus seinem Leben  beschreibt.

IMG_1818Das vom preußischen Hofkabinettmaler Johann Harper gemalte und leider seit dem Zweiten Weltkrieg verschollene Portrait zeigt v.Hacke als 22-jährigen Leutnant in der Uniform des Königsregiments mit der rechten Hand am Griff des Degens. Es ist das einzige bekannte Abbild v.Hackes und zugleich das einzige in der dieser Haltung gemalte Bildnis aus der von Friedrich Wilhelm I. 1722 in Auftrag gegebenen Serie von 18 Offiziersportraits seines Regiments. Der Brustharnisch war kein Bestandteil der Uniform, sondern ebenso wie bei den repräsentativen Portraits des Königs nur ein ritterliches Attribut. Der im Magdeburgischen Staßfurt als Sohn eines verarmten „Salzjunkers“ geborene v.Hacke war nach dem frühen Tod seines Vaters mit 16 Jahren als Offiziersanwärter in die preußische Armee eingetreten und wurde schon bald in das Königsregiment beordert (angeblich wegen einer Verwechslung mit dem bekannteren märkischen Zweig der Adelsfamilie). Mit seiner Körpergröße von 1,91 m selbst ein „Langer Kerl“ und wegen seiner vergleichsweise einfachen Herkunft und Bildung ohne Dünkel, wird v.Hacke als kräftig und geschickt im Umgang mit dem Degen sowie sehr dienstbeflissen und dem König treu ergeben beschrieben. Gewiss waren dies alles Eigenschaften, die Friedrich Wilhelm I. besonders schätzte. Schon bald gelangte der „lange Hacke“ in eine Vertrauensstellung als Adjutant des Königs. Auch begeisterte er sich für die Jagd und genoss wohl auch deswegen das besondere Wohlwollen des Königs. Möglicherweise entsprach der junge Offizier in seinem ganzen Wesen dem von Friedrich Wilhelm I. auch für seine eigenen Söhne erhofften Charakter. 

Im Zusammenhang mit dem ab 1726 angelegten Parforce-Garten wird der zu diesem Zeitpunkt noch im Rang eines Premierlieutnants stehende v.Hacke in den sog. Kabinettsminüten Friedrich Wilhelms I. (erhaltene Durchschriften sämtlicher Erlasse und Verfügungen des Königs seit 1728) neben seinen Aufgaben im Regiment des Königs auch als Vorgesetzter von „5 Jägerburschen im Potsdamschen Parforce garten und 12 Potsdamschen Jägern“ erwähnt. Am 18. Juni 1729 gewährt der König dem Lieutenant Dehro Regiments v.Hacke sogar das außerordentliche Privileg der „Niederjagten in dehro ganzten Parforce Garten bei Potsdam und gibt die Ordre an die Heydereuthers (Anm. Heidereiter war die damalige Bezeichnung der für Ordnung und Sicherung der Reviergrenzen zuständigen Forstbeamten) wie auch alle Jegers im parforce Garten, daß sie ernstlich darin sehen sollen, daß Niemandt im Ganzten Parforce Garten wie auch Ähsungsgarten Schieße noch Hetze Außer Lieut. V. Hacke“ (GStA PK, II. HA, Forstdep. Kur. Tit. 66 Nr. 140). Am 1. August 1729 wird v.Hacke zum Hauptmann im Königsregiment befördert und kümmert sich weiterhin um das Potsdamer Parforcejagdrevier. So erhält er am 30. April 1730 eine Zahlung von „123 Talern vor Hirsch Fütterung“.

Im Juli 1730 begleitet Adjutant v.Hacke den König auf der verhängnisvollen Reise über Ansbach-Bayreuth an den Niederrhein, bei der der Fluchtversuch des Kronprinzen scheitert und zur Inhaftierung Friedrichs mit der späteren Hinrichtung seines Freundes Hans Herrmann v.Katte (1704-1730) führt. Auf der Reise ist der König Gast des ebenso jagdbegeisterten Landgrafen Ernst Ludwig v. Hessen-Darmstadt (1688-1739) und nimmt an einer für ihn veranstalteten Parforcejagd teil. Offenbar entsteht dort die Idee zur Ergänzung des Potsdamer Jagdsterns um ein Gebäudeensemble nach einen leider bisher nicht identifizierten Vorbild. Im Nachsatz eines Schreibens v.Hackes an den Ober- und Hofjägermeister Graf v.Schlieben vom 17. Oktober 1730 heißt es „Daß allhier auff dem Stern ein groß Hauß soll gebauet werden, wißen Euer Excellence schon“ (GStA PK, II. HA Generaldirektorium, Abt. 13 Forstdepartement, Generalia, Tit. XXIX, Nr. 2, Bd. 1 Bl. 144v.). Im Dezember 1730 dankt Friedrich Wilhelm I. dem Landgrafen von Hessen-Darmstadt für ein von ihm übersandtes Modell und teilt ihm mit, dass er in Potsdam ebenfalls ein Jagdhaus danach errichten wolle: „Es hat der von Euer Liebden abgeschickte Modellier das ihm anvertrauete Schreiben nebst dem Model von Dero Jagthause wohl überbracht, und ich finde daßselbe recht artig. Ich werde mich auch selbst ein Jagthauß darnach bauen laßen, und bin Euer Liebden besonders davor obligieret, daß Sie mir die Gefälligkeit haben erzeigen und solches anhero senden wollen“ (GStA PK, I. HA, Rep. 96 B Nr. 1 Bl. 277 v, Nr. 6372). Zugleich werden Zahlungen von 100 Talern an den Modellier und 20 Talern an den darmstädtischen Knecht, der offenbar das Modell mit überbracht hat, angewiesen. Im April 1731 verzeichnen die Kabinettsminüten die Anweisung von Baumaterialien „zu denen beyden Häusern, welche in dem hiesigen Parforce Garthen auf dem Stern gebauet werden sollen und dass der  Capitain v.Hake dero Regiments und in deßen Abwesenheit der Lieutenant v.Hoffstedt den Bau derer beyden Häuser  in dem hiesigen Parforce Garthen besorgen und die Rechnung darüber führen sollen“ (GStA PK, I.HA Rep. 96 B, Nr. 5, fol. 102 VS, Eintrag 330 und 331). Hauptmann v.Hake wird hiermit die Vertretung des Bauherrn und Verantwortung für die Bezahlung der Handwerker übertragen. In den Akten finden sich bis Ende 1732 Belege für mehrere Zahlungsanweisungen an v.Hacke „zu dem Holländischen Hause„, „zum Brunnen im Neuen Haus“ „zu dem andern Hause„, „zu das 3te Hause im Stern“ sowie „zum Neuen Stall im Parforce Garten„. Aus den erhaltenen Materialaufstellungen und Zahlungsbelegen schließt der Potsdamer Bauhistoriker Norbert Blumert gut nachvollziehbar, dass das gesamte Gebäudeensemble am Stern (das hier als holländisches Haus bezeichnete Schloss, der königliche Pavillon, das  Kastellanhaus und der Pferdestall) in diesem Zeitraum errichtet wurde und das Modell aus Hessen-Darmstadt Vorbild jedenfalls für die beiden Pavillonbauten gewesen sein könnte (Norbert Blumert, Jagdschloss Stern, in: Jahrbuch für Brandenburgische Landesgeschichte Bd. 66 (2015),S. 143 ff. und ders., Friedrich Wilhelm I. als Städtebauer, Jäger und Hollandverehrer, in: Frank Göse/Jürgen Kloosterhuis (Hrsg.), Mehr als nur Soldatenkönig. Neue Schlaglichter auf Lebenswelt und Regierungswerk Friedrich Wilhelms I., S. 337 ff., jeweils m.w.N.; siehe auch den Beitrag Der ehemalige königliche Jagdpavillon am Stern). Besonders interessant ist auch das folgende, in den Kabinettsminüten wie üblich in Anrede und Grußformel abgekürzt dokumentierte Schreiben Friedrich Wilhelms I. an v.Hacke: „Mein Lieber etc, Ich bin zufrieden, daß der Holländer noch vor 150. thlr. allerley Arbeit verfertiget, welches Ihr demselben bekannt zu machen geruhet, Ich bin etc. Wusterhausen, den 23ten Oct. 1731“ (GStA PK, I. HA Rep. 96 B, Nr. 5, fol. 220 VS, Nr. 748). Damit ist ein eindeutiger Beleg vorhanden, dass zumindest ein holländischer Handwerker am Bau des Jagdschlosses mitgewirkt hat. Möglicherweise war hiermit der aus Holland stammende Grenadier und Zimmermeister Cornelius van der Bosch gemeint, der in den Akten auch im Zusammenhang mit der Quittierung von Bauholzlieferungen erwähnt ist und ebenfalls bei anderen großen Bauvorhaben in Potsdam, darunter dem Bau der Garnisonkirche tätig war. Dies passte auch zu der Überlieferung, wonach der König sein Jagdhaus am Stern von holländischer Bauart von einem Grenadier von dero Leibregiment habe aufrichten lassen (Bekmann, Johann Christoph / Bekmann, Bernhard Christoph, Historische Beschreibung der Chur und Mark Brandenburg (1751), Bd. 1, S. 786; siehe auch den Beitrag Historische Beschreibung des Jagdschlosses Stern von 1751).

Am 31. Oktober 1734 erhält v.Hacke Decharge (=Entlastung) nach Ablieferung sämtlicher Rechnungen für den Parforce Garten und darin gebaute Häuser lt. Specification über 35.473 Taler 14 Groschen und 3 Pfennige. Dies dokumentiert zugleich den Abschluss der Baumaßnahmen am Stern unter der Verantwortung des am 28. Dezember 1731 zudem zum Hof-Jägermeister ernannten v.Hacke. In diese Zeit fällt auch die am 17. Februar 1732 erfolgte Heirat v.Hackes mit der einzigen Tochter des sehr vermögenden Hofrats, Kabinettsekretärs und Vizepräsidenten des Generaldirektoriums Ehrenreich Bogislaus v.Creutz (1670-1733). Sophie Albertine v.Creutz (1710-1757) war bereits mit dem sächsischen Graf zu Lynar verlobt, muss nun aber auf Weisung des Königs den weitgehend mittellosen und von Stand und Bildung als wenig erstrebenwerte Partie geltenden Hofjägermeister und Hauptmann v.Hacke ehelichen. Der König verfolgte mit dieser „Zwangsheirat“ das erklärte Ziel, das von Creutz im Staatsdienst erworbene Vermögen im Lande zu behalten und zugleich den von ihm sehr geschätzten jungen v.Hacke zu fördern. Friedrich Wilhelm I. hatte in seiner Kronprinzenzeit auch den studierten Juristen und erst 1708 in den Adelsstand erhobenen Creutz gefördert, zu seinem persönlichen Sekretär ernannt und ihm nach der Thronbesteigung zahlreiche herausgehobene Ämter verschafft. In erstaunlicher Parallele zum „langen Hacke“ wird auch v.Creutz als Hüne von Gestalt sowie äußerst fleißig und kenntnisreich in seinen Ämtern beschrieben, wenngleich ihm sein finanzieller Erfolg vielfach auch geneidet wurde. Die erzwungene Heirat der Tochter mit dem neuen Vertrauten mag vom König durchaus auch als ausgleichende Gerechtigkeit verstanden worden sein. 

In welchem Verhältnis v.Hacke zu dem ebenfalls deutlich älteren Ober- und Hofjägermeister Georg Christoph Graf v.Schlieben  (1676-1748), dem die Leitung des Jagd- und Forstwesens oblag und auf dem bekannten Gemälde des Wusterhausener Tabakskollegiums in roten Jagdrock abgebildet ist, stand, ist nicht ganz klar. In seiner Beschreibung des Preußischen Hofes unter Friedrich Wilhelm I. unterscheidet David Fassmann zwischen der „Jägerey“ unter „Ihro Excellenz, Herr George Christoph, Graf von Schlieben, Ober- und Hofjägermeister“ nebst den im Anschluss aufgeführten Jagd- und Forstbediensteten und „denen Jägern, welche der König bei sich haben; wie dann auch der Hof-Jägermeister, Herr von Hacke, der zu gleicher Zeit als Capitain unter den Potsdamern stehet, hier nicht mit specificieret ist“ (siehe auch den Beitrag Friedrich Wilhelm I. und die Jagd) . Die Erwähnung v.Hackes zusammen mit den Leibjägern des Königs spricht dafür, dass er nicht nur als Adjutant, sondern auch als Hofjägermeister dem persönlichen Gefolge Friedrich Wilhelms I. angehört und sein extra für ihn geschaffenes Amt neben dem eigentlichen Ober- und Hofjägermeister Graf v.Schlieben ausübt. Als letzten Gunsterweis des bereits schwerkranken Königs erhält der 1738 zum Generaladjutant und im Februar 1740 zum Oberstlieutenant ernannte v.Hacke am 29. Mai 1740 das beste königliche Reitpferd zum Geschenk.

Am 31. Mai 1740 stirbt der König. Auf der Abbildung des Trauerzugs beim Begräbnis Friedrich Wilhelms I. ist „Der von Hacke„, obwohl er nicht in diesem Rang stand, als einer der General-Majors und Träger des Himmels über dem Sarg aufgeführt.  Leichenwagen FW I.

Der neue König Friedrich II. behält v.Hacke trotz dessen enger, aber auch unbedingt loyaler Verbindung zu seinem Vater als Generaladjutant, befördert ihn zum Oberst, verleiht ihm als einem der ersten den von ihm neu gestifteten Orden Pour le Mérite und erhebt ihn im August 1740 zudem in den erblichen Grafenstand. Im ersten Schlesischen Krieg bildet v.Hacke aus dem Jägerhof das neu geschaffene Feldjägercorps, dessen Angehörige dem König als Personenschutz dienen und auch zur Erkundung feindlicher Truppenbewegungen sowie als Meldereiter eingesetzt werden. Im August 1742 erhält v.Hacke das Kommando über das in Berlin stationierte Infanterie-Regiment Nr. 1 v.Glasenapp und wird im Mai 1743 zum Generalmajor und im Mai 1747 zum Generalleutnant ernannt. Nach dem zweiten Schlesischen Krieg überträgt der König v.Hacke die Oberaufsicht über die neuen königlichen Bauten in Berlin, darunter das Invalidenhaus und die St. Hedwigskirche. Am 12. November 1748 stirbt der Ober- und Hofjägermeister Graf v.Schlieben und v.Hacke wird sein Nachfolger und damit auch zuständig für das gesamte Forst- und Jagdwesen. Mit der Ernennung zum Stadtkommandanten von Berlin im November 1749 erhält v.Hacke eine weitere verantwortungsvolle Aufgabe mit der Aufsicht über sämtliche öffentliche Bauten und die öffentliche Sicherheit und Ordnung. Die Berliner Stadterweiterung von 1750 mit der Schaffung des noch zu seinen Lebzeiten vom König nach ihm benannten Hackeschen Marktes und der Rosenthaler Vorstadt wird von ihm geleitet. Die erhebliche Arbeitsbelastung in so vielen Ämtern und Funktionen bleibt nicht ohne Folgen. Schon länger an einem Lungenleiden erkrankt, verschlechtert sich sein Gesundheitszustand im Frühjahr und Sommer 1754. Am 17. August 1754 stirbt v.Hacke in Berlin im 55. Lebensjahr und nach 39 Jahren unermüdlicher Pflichterfüllung im Dienst zweier Könige. Die Trauerfeier findet in der Berliner Garnisonkirche statt, die Beisetzung erfolgt in der Creutzschen Familiengruft in Frauenhagen bei Angermünde. Im Jahr 1914 werden die Särge von Hans Christoph Friedrich Graf v.Hacke und seiner 1757 verstorbenen Ehefrau sowie weiterer Familienangehöriger in eine heute vermauerte Gruft unter der Kirche von Altranft (Landkreis Märkisch Oderland) überführt.

Am Jagdschloss Stern erinnert die auf der Platzmitte angebrachte Tafel mit dem heute nicht mehr vorhandenen Haakengestell (so die phonetisch korrekte Aussprache des Namens v. Hacke) und vielleicht auch die Bezeichnung des Vorraums zum Schlafzimmer im Jagdschloss als Adjutantenzimmer sowie die überlieferte Benennung des ehemaligen Pferdestalls als sog. Hauptmannhaus an den früheren Hofjägermeister und sein Wirken im Potsdamer Parforcegarten.          

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