Feb 062019
 
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Theodor Fontane (1819-1898) hat auf seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg auch das Jagdschloss Stern besucht, in seinen Notizbüchern skizziert und einen stimmungsvollen Bericht hierüber verfasst. Mit freundlicher Erlaubnis von Frau Dr. Gabriele Radecke, Leiterin der Theodor-Fontane-Arbeitsstelle an der Georg-August-Universität Göttingen, dürfen wir Ihnen die entsprechenden Seiten des Notizbuches von 1869 hier mit Transkription präsentieren:
 
 
Umschlag Notizbuch
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Skizze Jagdschloss
{10} 12
2. Große Stern. Jagd-
schloß. holländisch. Back-
steinbau. Sehr intressant.
Notizen Jagdschloss (1)
Der große Hans
berühmter großer Hirsch.
5 Geweihe von ihm
von 1732-36.
zuletzt 28 Enden.
 
Die fünf Bilder.
a. Wildschweinsjagd.
b. Auszug zur Jagd.
c. die Jagd. Das Hetzen
     des Hirsches.
d. Hat ihm schon.
e. Wilde Gans-Jagd
 
 
 
Notizen Jagdschloss (2)
 
                                                                                                 {11} 13
Speisesaal
F. Kamin
a. b. c. d. e
fünf Jagdbilder
An den drei an-
dern Seiten
Hirschköpfe.
Geweihe,
Angaben
wann und
durch wen.
 
 
Küche
g. Herd
h. Waschgelegenheit
i. Brunnen
__________
 
Schlafzimmer
k. des Königs
    Bettsponde
 
Die Eule.
 
Ein Tipp: Wenn Sie auf die Bilder klicken, erscheinen sie in hoher Auflösung und lassen sich dann auch gut ansehen/ausdrucken. Wenn die Notizen Fontanes zutreffen, war die Reihenfolge der Bilder im Saal etwas anders als heute. Die danach in der Wandvertäfelung über dem Kamin gehängte Wilde Gans-Jagd ist wohl das heute ganz links gehängte Gemälde zur Rebhuhnjagd des Königs. Der auf der Skizze der Fassade festgehaltene und auch in Fontanes Text über das Jagdschloss erwähnte eingeätzte Stern im Mittelfenster über der Tür ist heute nicht mehr vorhanden.  
 
Zu den Notizbüchern:

Von 1859 bis Ende der 1880er Jahre hat Fontane Notizbücher (insgesamt 67 im Format ca. 10 x 17 cm) geführt, die unterschiedliche Notate enthalten:

Tagebuchaufzeichnungen, Briefkonzepte, poetische Pläne, Vortragsmitschriften, Entwürfe zu Theater- und Kunstkritiken, Buchexzerpte sowie Notizen und Zeichnungen, die während der Ausflüge durch die Mark Brandenburg und auf weiteren Reisen entstanden sind. Hinzu kommen Alltagsnotizen wie To-do-Listen und Zugabfahrtspläne, Lektüre- und Briefempfängerlisten. Die Notizen zum Jagdschloss Stern findet man in der Nr. A15 mit der von Fontane stammenden Beschriftung „Havelland (meist 1869.)“. Die Wanderung zum Jagdschloss Stern fand vermutlich Ende Juni 1869 statt. Begleitet wurde Fontane von dem Potsdamer Garnisonschullehrer Heinrich Wagener (1832-1894), Quelle: Eintrag im Fontanes Tagebuch Mai-Oktober 1869.

Theodor Fontane , 1869 Quelle: Fontane-Archiv, Potsdam

Theodor Fontane , 1869
Quelle: Theodor-Fontane-Archiv, Potsdam

 

 

 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
  
  
 
 
 
Quelle zu den Notizbüchern: Theodor Fontane: Notizbücher. Digitale genetisch-kritische und kommentierte Edition. Hg. von Gabriele Radecke. Göttingen 2015 ff. Notizbuch A15, Cover, Blatt 12 r, 12 v und 13 r.
 
Näheres zu dem Editionsprojekt finden Sie hier: www.fontane-nb.dariah.eu
 
Eigentümerin der Notizbücher ist die Staatsbibliothek zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz (Handschriftenabteilung).
 
 
Und hier der Bericht Fontanes über seine Wanderung zum Jagdschloss Stern:
 

Von Kohlhasenbrück aus schlagen wir eine südliche Richtung ein, schlängeln uns auf Fußpfaden durch ein wohlgepflegtes Gehölz und treten dann in eine Lichtung, von der aus wir strahlenförmig die Gestelle sich durch den Wald ziehen sehen. Diese Lichtung heißt der Stern; inmitten desselben, von einigen Akazien umstanden, ein Jagdschloß gleiches Namens. Auch hier historischer Grund und Boden, aber jüngeren Datums und ohne jeden Anflug von jenem Sagen-Dämmer, der über der alten Kohlhaasstätte ruht. Hier ist Alles licht, faßbar, real, mit jenem Prosa-Beigeschmack, den Alles hat, was unter den vielgeschäftigen, rastlos-gestaltenden Händen des Soldaten-Königs entstand. Aber noch eines charakterisirte seineArt: die propreté, und Jagdschloß Stern hat bis diese Stunde jenes Sauberkeits-Gepräge, das Friedrich Wilhelm I. allen seinen Schöpfungen zu geben liebte.

Jagdschloß Stern ist ein holländischer Bau, quadratisch in rothem Backstein aufgeführt, mit einem Giebel in Front, einem Jagdhorn über der Thür und einem eingeätzten Stern im Mittelfenster. Es besteht nur aus einem Eßsaal, einer Küche und einem Schlafzimmer, drei Räume, die ihre Einrichtung und ihren Charakter bis auf diese Stunde beibehalten haben. Der Eßsaal mit den abgestoßenen Geweihen des „großen Hans“ (der es bis zum Achtundzwanzig-Ender brachte), ist panelirt und über den Panelen der einen Längswand hin mit den Jagdstücken irgend eines Leygrebe oder sonstigen Hofkünstlers geschmückt, — eine Hirschhetze, eine Eber- und Entenjagd. Welch tiefer und plötzlicher Verfall der Kunst spricht aus diesen Blättern, wenn man sie mit jenen hunderten von Tableaux und Deckengemälden vergleicht, wie sie 30 und selbst noch 20 Jahre früher unter dem ersten Könige und während der letzten Regierungsjahre des großen Kurfürsten in den brandenburgischen Schlössern gemalt wurden! Damals, wie äußerlich die Dinge auch bleiben mochten, brachte jede zwischen Amoretten ausgespannte Rosen-Guirlande, jede symbolische Figur, ob sie sich Europa oder Borussia nannte, die brillante Technik der niederländischen Schule zur Erscheinung, und nun, von jener Epoche virtuosenhafter Technik, gefälliger Form, sinnlicher Farbe war man wie durch eine Kluft geschieden, ohne daß irgend etwas Anderes sich ereignet hätte als ein Thronwechsel. Jenseits lag die Kunst, diesseits die Barbarei.

Aus dem Eßsaal, nach kurzem Verweilen, traten wir in die Küche, aus dieser in das Schlafzimmer des Königs, dessen eine Seite ein riesiger Wandschrank einzunehmen schien. Aber nur die beiden Flanken dieses Holzbaues waren wirkliche Schränke, das Mittelstück, eine überwölbte Bettlade, ein dunkler, nach vorne zu geöffneter Kasten, erinnerte an die Lagerstätten einer alten Schiffskajüte. War diese Höhle an und für sich unheimlich genug, so wurde sie’s in jedem Augenblicke mehr durch zwei große, feurige Augen, die uns daraus ansahen. Endlich löste sich der Spuk; unmittelbar an unseren Häuptern vorbei mit schwerem Flügelschlag flog eine Eule, die der Förster vom Jagdschloß „Stern“ in der Bettsponde des Königs einlogirt hatte. Dieser selber hätte uns nicht großäugiger und nicht bedrohlicher ansehen können als der Gast, der hier an seiner Stelle eingezogen war.

Theodor Fontane
Wanderungen durch die Mark Brandenburg
Band 3: Ost-Havelland, Berlin 1873
 
Dieser Text war Teil des in der Erstausgabe der „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ enthaltenen Kapitels „Gütergotz“, das eine Wanderung von Potsdam über Kohlhasenbrück und das Jagdschloss Stern bis nach Gütergotz beschreibt. Leider ist dieses Kapitel bei späteren Ausgaben dann ausgeschieden worden und daher nicht in den üblichen Buchhandelsausgaben der „Wanderungen“ enthalten. Den Originaltext mit Transkription finden Sie über den hier unterlegten Link zum Deutschen Textarchiv. Dann im Inhaltsverzeichnis das Kapitel „Gütergotz“ anklicken.
 
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Die „Bettsponde“ des Königs (heute ohne Eule).
Die beiden Flanken der Wandverkleidung sind übrigens entgegen der Beschreibung Fontanes keine Schränke, sondern Türen zur Kellertreppe (links) und zur Treppe in das auch dem heutigen Besucher nicht zugängliche Obergeschoss, das wohl als Dienerwohnung und Lagerraum genutzt wurde.

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