Okt 172018
 

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Von Kohlhasenbrück aus schlagen wir eine südliche Richtung ein, schlängeln uns auf Fußpfaden durch ein wohlgepflegtes Gehölz und treten dann in eine Lichtung, von der aus wir
strahlenförmig die Gestelle sich durch den Wald ziehen sehen.
Diese Lichtung heißt der Stern; inmitten desselben, von eini-
gen Akazien umstanden, ein Jagdschloß gleiches Namens.

Auch hier historischer Grund und Boden, aber jüngeren
Datums und ohne jeden Anflug von jenem Sagen-Dämmer,
der über der alten Kohlhaasstätte ruht. Hier ist Alles licht,
faßbar, real, mit jenem Prosa-Beigeschmack, den Alles hat,
was unter den vielgeschäftigen, rastlos-gestaltenden Händen des
Soldaten-Königs entstand. Aber noch eines charakterisirte seine
Art: die propreté, und Jagdschloß Stern hat bis diese Stunde
jenes Sauberkeits-Gepräge, das Friedrich Wilhelm I. allen sei-
nen Schöpfungen zu geben liebte.

Jagdschloß Stern ist ein holländischer Bau, quadratisch in
rothem Backstein aufgeführt, mit einem Giebel in Front, einem
Jagdhorn über der Thür und einem eingeätzten Stern im
Mittelfenster. Es besteht nur aus einem Eßsaal, einer Küche
und einem Schlafzimmer, drei Räume, die ihre Einrichtung
und ihren Charakter bis auf diese Stunde beibehalten haben.
Der Eßsaal mit den abgestoßenen Geweihen des „großen Hans“
(der es bis zum Achtundzwanzig-Ender brachte), ist panelirt
und über den Panelen der einen Längswand hin mit den
Jagdstücken irgend eines Leygrebe oder sonstigen Hofkünstlers
geschmückt, — eine Hirschhetze, eine Eber- und Entenjagd.

Welch tiefer und plötzlicher Verfall der Kunst spricht aus
diesen Blättern, wenn man sie mit jenen hunderten von Tableaux
und Deckengemälden vergleicht, wie sie 30 und selbst noch 20
Jahre früher unter dem ersten Könige und während der letzten
Regierungsjahre des großen Kurfürsten in den brandenburgischen
Schlössern gemalt wurden! Damals, wie äußerlich die Dinge
auch bleiben mochten, brachte jede zwischen Amoretten ausge-
spannte Rosen-Guirlande, jede symbolische Figur, ob sie sich
Europa oder Borussia nannte, die brillante Technik der nieder-
ländischen Schule zur Erscheinung, und nun, von jener Epoche
virtuosenhafter Technik, gefälliger Form, sinnlicher Farbe war
man wie durch eine Kluft geschieden, ohne daß irgend etwas
Anderes sich ereignet hätte als ein Thronwechsel. Jenseits lag
die Kunst, diesseits die Barbarei.

Aus dem Eßsaal, nach kurzem Verweilen, traten wir in
die Küche, aus dieser in das Schlafzimmer des Königs, dessen
eine Seite ein riesiger Wandschrank einzunehmen schien. Aber
nur die beiden Flanken dieses Holzbaues waren wirkliche Schränke,
das Mittelstück, eine überwölbte Bettlade, ein dunkler, nach
vorne zu geöffneter Kasten, erinnerte an die Lagerstätten einer
alten Schiffskajüte. War diese Höhle an und für sich unheim-
lich genug, so wurde sie’s in jedem Augenblicke mehr durch zwei
große, feurige Augen, die uns daraus ansahen. Endlich löste
sich der Spuk; unmittelbar an unseren Häuptern vorbei mit
schwerem Flügelschlag flog eine Eule, die der Förster vom Jagd-
schloß „Stern“ in der Bettsponde des Königs einlogirt hatte.

Dieser selber hätte uns nicht großäugiger und nicht bedroh-
licher ansehen können als der Gast, der hier an seiner Stelle
eingezogen war.

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Quelle zum Originaltext:
Theodor Fontane
Wanderungen durch die Mark Brandenburg
Band 3: Ost-Havelland, Berlin 1873
 
 

Das Jagdschloss Stern in Theodor Fontanes Notizbüchern

 
Theodor Fontane hat seinen Besuch des Jagdschloss Stern auch in seinen Notizbüchern festgehalten. Mit freundlicher Erlaubnis von Frau Dr. Gabriele Radecke, Leiterin der Theodor-Fontane-Arbeitsstelle an der Georg-August-Universität Göttingen, dürfen wir Ihnen die entsprechenden Seiten hier mit Transkription präsentieren:
 
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Skizze Jagdschloss 
                                                                                                    {10} 12
2. Große Stern. Jagd-
ſchloß. holländiſch. Back-
ſteinbau. Sehr intreſſant.
 
 
Notizen Jagdschloss (1)
 
Der große Hans
berühmter großer Hirſch.
5 Geweihe von ihm
von 1732–36.
zuletzt 28 Enden.
 
Die fünf Bilder.
a. Wildſchweinsjagd.
b. Auszug zur Jagd.
c. die Jagd. Das Hetzen
des Hirſches.
d. Hat ihm ſchon
e. Wilde Gans-Jagd
 
 
 
Notizen Jagdschloss (2)
 
                                                                                                 {11} 13
Speiſeſaal
F. Kamin
a. b. c. d. e
fünf Jagdbilder
An den drei an-
dern Seiten
Hirſchköpfe.
Geweihe,
Angaben
wann und
durch wen.
 
 
Küche
g. Herd
h. Waſchgelegenheit
i. Brunnen
 
___________
 
Schlafzimmer
k. des Königs
Bettſponde
 
Die Eule
 

Ein Tipp: Wenn Sie auf die Bilder klicken, erscheinen sie in hoher Auflösung und lassen sich dann auch gut ansehen/ausdrucken.Wenn die Notizen Fontanes zutreffen, war die Reihenfolge der Bilder im Saal etwas anders als heute. Die danach in der Wandvertäfelung über dem Kamin gehängte Wilde Gans-Jagd ist wohl das heute ganz links gehängte Gemälde zur Rebhuhnjagd des Königs. Der auf der Skizze der Fassade festgehaltene und auch in Fontanes Text über das Jagdschloss erwähnte eingeätzte Stern im Mittelfenster der Tür ist heute nicht mehr vorhanden.  

 
Zur Edition der Notizbücher:

Von 1859 bis Ende der 1880er Jahre hat Fontane Notizbücher (insgesamt 67 im Format ca. 10 x 17 cm) geführt, die unterschiedliche Notate enthalten:

Tagebuchaufzeichnungen, Briefkonzepte, poetische Pläne, Vortragsmitschriften, Entwürfe zu Theater- und Kunstkritiken, Buchexzerpte sowie Notizen und Zeichnungen, die während der Ausflüge durch die Mark Brandenburg und auf weiteren Reisen entstanden sind. Hinzu kommen Alltagsnotizen wie To-do-Listen und Zugabfahrtspläne, Lektüre- und Briefempfängerlisten. Die Notizen zum Jagdschloss Stern findet man in der Nr. A15 mit der von Fontane stammenden Beschriftung „Havelland (meist 1869.)“. Die Wanderung zum Jagdschloss Stern fand vermutlich Ende Juni 1869 statt.

 
Quelle: Theodor Fontane: Notizbücher. Digitale genetisch-kritische und kommentierte Edition. Hg. von Gabriele Radecke. Göttingen 2015 ff. Notizbuch A15, Blätter 12 und 13
 
Näheres zu dem Editionsprojekt finden Sie hier: www.uni-goettingen.de/de/303691.html.
 
Eigentümerin der Notizbücher ist die Staatsbibliothek zu Berlin, Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

 

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