Jun 082015
 
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Martin Betz passt  in keine Schublade. Desto besser passt er ins Jagdschloss Stern, wo er am 23. Mai zum zweiten Mal zu hören war. Betz ist ausgebildeter Barockmusiker, und eine Karriere als Solocembalist läge vor ihm. Aber er ist auch Autor, schafft Reimgedichte, die böswillige Kritiker als Knittelverse bezeichnen, und trägt sie auswendig vor, als ob er sie sich in diesem Moment ausdenken würde. Betz weigert sich, seine beiden Begabungen auf zwei verschiedene Auftritte zu verteilen. Er trägt am selben Abend immer abwechselnd Cembalomusik und Gedichte vor – eine ebenso ungewohnte wie überzeugende Mischung.DSC08995

Wie schon im vorigen Jahr spielte er keinen Classic-Radio-artigen Mix von barocken Ohrwürmern, sondern gab Gelegenheit, sich ganz auf einen Komponisten aus der Zeit, in der das Schloss gebaut wurde, einzulassen. Diesmal war das Jan Pieterszoon Sweelinck. Unter anderem gab es dessen große Chromatische Fantasie, berühmt unter Cembalisten, aber selten aufgeführt. Betz beherrscht meisterhaft sein Cembalo mit geteilten Obertasten, das extrem schwierig zu spielen ist, es dafür aber erlaubt, selbst entlegene Tonarten mit reinen Terzen zu spielen – ein Wohlklang, den man bei modernen Klavieren niemals erleben kann. Der Saal des Jagdschlosses ist akustisch ideal für diese Musik, und seine Verzierungen stammen aus derselben Zeit.

 DSC09012 Die großen Fenster gaben den Blick frei auf die Baumkronen der Umgebung, also auf Neukölln, das ja bekanntlich überall ist – da sind Buschkowsky und Betz sich einig. Zwischen den Musikstücken erfuhr man von großen und kleinen Seltsamkeiten und Ärgernissen im heutigen Neukölln (und überall), vom Haar der Bäckerin in der Brötchentüte, vom Unsinn der „Coffee to go“-Mode, von Eltern vom Lande, die für ihre Jungen ein Nest in Berlin bauen und selbst wieder jung werden (oder das glauben) – aber auch von der unbestrittenen Größe Johann Sebastian Bachs. Betz‘ Gedichte, souverän, manchmal höchst virtuos vorgetragen, zeigen liebevoll die Absurdität unserer Zeit. Sie geben zu denken, sie verwirren, sie sind aber niemals verbittert.

Wir hoffen, Martin Betz demnächst wieder engagieren zu können. Halten Sie unser Veranstaltungsverzeichnis im Blick! Sie können es auch automatisch in Ihrem elektronischen Kalender erscheinen lassen.

  3 Responses to “Martin Betz im Jagdschloss”

  1. Lieber Hanno,
    deine fast analytische Beschreibung jenes Abends mit Vortrag trifft meinen Nerv, hinzuzufügen wäre noch das Attribut „skurril“, so wie es eben der Persönlichkeit eines Martin Beetz` entspricht.
    Sollte das Klima beim nächsten Mal angenehmer sein, würde das sicherlich ein unvergesslicher Abend werden.

  2. Martin Betz im Jagdschloss
    Ich kann nur schreiben ,es war eine gelungene Veranstaltung. Meine 17 jährige Tochter hatte mich anfangs sehr skeptisch begleitet. Ich muss schreiben ,ihr hat es sher gut gefallen und sie würde jederzeit wieder eine Veranstaltung von Martin Betz besuchen, Seine kurzweiligen lustigen Gedichte und die klassischen Musikeinlagen- einfach super.
    Ein grosses Danken für den Jagdschlossverein, der diese Veranstältung ermöglicht hat. Schön war auch die Pausengestaltung, Wein und Snacks im Freien.Dies gab der Veranstaltung auch einen besonderen Rahmen. Wir würden jederzeit wieder so eine Veranstaltung besuchen .Uns hat es sehr gut gefallen.
    Mit freundlichen Grüsse
    Fam, Fischer

  3. […] Einen musikalisch-intellektuellen Genuss der besonderen Art boten die beiden Konzerte von Martin Betz zum Frühling und Herbst mit virtuosem Cembalospiel und hintersinnigen eigenen Gedichten, die sich schon zu einem Klassiker im kulturellen Programm im Jagdschloss entwickelt haben (siehe hierzu auch den Beitrag Martin Betz im Jagdchloss). […]

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