Feb 072021
 
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Wenn man in Archiven stöbert, stößt man immer wieder auf Neues oder schon Vergessenes, das es lohnt, wieder an Tageslicht befördert zu werden. Hierzu gehören zweifellos die sehr sachkundigen Beiträge des Berliner Kunsthistorikers Dr. Hans Eugen Pappenheim (1908-1973), der sich in den 1930er Jahren intensiv mit dem Jagdschloss Stern befasst hat. Ihm verdanken wir beispielsweise auch das einzige erhaltene Foto zum Zustand der Küche aus der Vorkriegszeit, auf dem die ursprünglich grauweiße Wandverfliesung zu erkennen ist (siehe den Beitrag Die Schachbrettblume vom Jagdschloss Stern). Möglicherweise stammt diese Aufnahme aus Recherchen für Pappenheims Artikel „Das Jagdschloss Stern, ein wenig bekannter holländischer Barockbau bei Potsdam (1732)“ in einer holländischen Kunstzeitschrift (Oud Holland, Journal for Art of the Low Countries, Bd. 56 (1939), S. 66-74). Der Artikel (Pappenheim Jagdschloss Stern) enthält neben einer sehr detaillierten Beschreibung des Gebäudes auch eine Reihe von Fotos, die die Giebelfront des Schlosses, den damals noch erhaltenen hölzernen Pavillon im Kastellanhausgarten und ein heute verschollenes Ölgemälde mit einer Ansicht des Ensembles um 1760 zeigen, das – wenn die Datierung stimmt – Vorbild für die sehr ähnlichen Gouachen und den Stich von Johann Friedrich Nagel (um 1790 datiert) wäre. Vielleicht war es aber auch umgekehrt, und das Gemälde wurde erst nach den Werken von Nagel geschaffen.

Durch einen Literaturhinweis in dem Beitrag über das Jagdschloss Stern in dem Standardwerk zu den Kunstdenkmälern der Provinz Brandenburg (Kunstdenkmäler Kreis Teltow) sind wir dann auf den hier vorgestellten Artikel Pappenheims „Der Lieblingshirsch des Soldatenkönigs. Zur Geschichte des ‚Großen Hans‘ “ (in: Wild und Hund 1935, S. 207 f.) gestoßen, den wir mit freundlicher Genehmigung der übrigens schon seit 1894 erscheinenden Jagdzeitschrift WILD UND HUND hier wiedergeben dürfen: 207-208_Nr50_1935_Der Lieblingshirsch des Soldatenkönigs.

In dem Artikel referiert Hans Eugen Pappenheim seine Literatur- und Archivrecherchen zur Geschichte des „Großen Hans“. Er ist der Auffassung, dass das von Friedrich Wilhelm I. als „mein starker Prechtiger hirs(ch)“ bezeichnete Tier nicht, wie in der Literatur zum Teil beschrieben, ein Geschenk Augusts des Starken war, sondern vielmehr eine Gabe seines Jagdfreunds Leopold v. Anhalt-Dessau (der „Alte Dessauer„) und 1729 mit anderen Hirschen von der südwestlich von Potsdam gelegenen Pirschheide zu dem neu angelegten Tiergarten in der Parforceheide getrieben wurde. Nachdem das Jagdschloss Stern bezugsfertig war, hat Friedrich Wilhelm I. ab 1732 die Pfeiler zwischen den Fenstern des Saals Jahr für Jahr mit den auf geschnitzte Hirschköpfe montierten Abwurfstangen dieses kapitalen Hirsches dekorieren lassen. Darunter angebrachte Tafeln beginnen jeweils mit dem Text „Dieses gehörn hat der Große Hanß hier (bzw. ‚in den Potsdamsche ParForce garten‘) abgeworfen …“  und geben das Datum des Abwurfs und die Endenzahl der Geweihe an. Insgesamt sind auf diese Weise fünf Hirschgeweihe gehängt und gehören somit zur originalen Ausstattung des Saals, das letzte Geweih mit Datum vom 8. März 1736 und 18 Enden. Dann bricht die Serie ab, wie Pappenheim lakonisch vermerkt.

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Es handelt sich bei der für ein Jagdschloss an sich nicht ungewöhnlichen Dekoration also nicht um Jagdtrophäen, sondern um die Abwurfstangen eines einzigen Hirsches, eben jenes „Großen Hans“, der gerade nicht gejagt und erlegt wurde, sondern dessen Geweihstangen, die Hirsche in jedem Jahr im Winter abwerfen und bis zum Sommer neu entwickeln, gesammelt und zur Dekoration des Saals verwendet wurden. Der „Große Hans“ ist also ein Beispiel für die ansonsten eher seltene Tierliebe des jagdbegeisterten Königs. 

Zum Tod des „Großen Hans“ widerlegt Pappenheim die in der Literatur des 19. Jahrhunderts ausgeschmückte Überlieferung, dass „der weiße (?) Hirsch , der unter dem Namen der ‚Große Hans‘ berüchtigt war,  die Freundschaft mit seinem königlichen Freunde missbraucht und um seiner Bosheit willen …  unter dem Messer eines Schlächters, den er angefallen“ ein nicht jagdgerechtes Ende genommen haben solle. Pappenheim bezweifelt damit die Legende, dass es sich um einen „weißen Hirsch“ gehandelt habe (von dem auch in den Briefen des Königs nie die Rede war) und weist zutreffend darauf hin, dass ein Schlächter weder den damals durch einen Palisadenzaun geschlossenen Tiergarten betreten, geschweige denn gewagt haben werde, sich an dem Lieblingshirsch des Königs zu vergreifen. In der im Preußischen Geheimen Staatsarchiv erhaltenen letzten Rechnung des Berliner Handwerksmeisters Johann Conradt Koch vom 18. Mai 1736 werde statt dessen erwähnt, dass er „Vor Ihro kgl. Maj(estät) haben einen großen Hirsch-Kopf, der große Hans genandt, welcher in dem Potsdamsche Thir-garten geschossen, mit dem dahinter befindlichen Schilde von Cartell, Laub-Blumen, auch das Geweyde mit starcken Eisernen Winckeln wiederfeste gemacht  und mit seinen natürlichen Haar wieder beklebet“  habe. Laut Pappenheim sei es damit erwiesen, dass der Hirsch zuletzt doch erlegt wurde, wobei offen bleiben müsse, ob der König „seinen“ Hans selbst erlegt oder den alt gewordenen Liebling habe erschießen lassen. Zweifel  bleiben dennoch, denn auch die letzte Beschriftungstafel nennt nur das Datum des Geweihabwurfs. Zudem ist der geschnitzte Kopf auch nicht mir originalem Haar beklebt, sondern ebenso gestaltet wie seine Vorgänger.

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Wie dem auch sei, die Relikte des Großen Hans im Jagdschloss Stern sind etwas ganz Besonderes und haben auch schon das Interesse von Naturwissenschaftlern geweckt, die aus der – soweit bekannt – hier einmalig dokumentierten und präzise datierten Folge von Geweihen eines kapitalen Hirsches und mittels Genomanalysen weitere Informationen über dieses Tier und seine Zeit erfahren möchten. Auch für heutige Jäger ist die über die Jahre deutlich erkennbare Geweihentwicklung und der hieran ablesbare Alterungsprozess interessant, der eher darauf hindeutet, dass der Hirsch nach dem Abwurf des letzten Geweihs eines natürlichen Todes gestorben ist. Vielleicht wurde er aber doch, wie Pappenheim vermutet, am Ende mit Einwilligung des Königs waidgerecht von seinen Altersbeschwerden erlöst.

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