Mai 052016
 
Hanno Wupper

Auf der Suche nach der Mitte von Berlin*, die ja möglicherweise gar nicht in Berlin Mitte liegt, und die man darum vorsichtig einkreisen muss, fuhr ich jahrelang mit dem Rad in der Brandenburger Umgebung von Berlin herum, wo ich viele schöne, aber auch viele seltsame Orte entdeckte. Besonders beeindruckten mich absurde, nicht sehr menschenfreundliche Verkehrsbauwerke in der Gegend um Güterfelde und Großbeeren.

Ein "Selbstversuch" auf der alten Landstraße 40: Peter Ernst beweist, dass die neue parallel geführte Landstraße 40 neu nach Autobahnstandard zur Entlastung des Ortskerns von Güterfelde unverzichtbar ist.

Ein „Selbstversuch“ auf der alten Landstraße 40: Peter Ernst beweist, dass die neue parallel geführte Landstraße 40 neu nach Autobahnstandard zur Entlastung des Ortskerns von Güterfelde unverzichtbar ist.

Dass ich mich dort mitten in der Parforceheide und ganz in der Nähe unseres Jagdschlosses befand,  war mir nie klar. Zu sehr war ich damit beschäftigt, lebend aus dem Geschlinge von Schnellstraßen herauszukommen.

Damals hatte Peter Ernst schon seinen Beitrag ‚Die Parforceheide – eine Landschaft im Wandel‘ veröffentlicht; aber den kannte ich noch nicht. Man kann ihn hier nachlesen. Dort findet man außer nebenstehendem Bild auch interessantes Kartenmaterial.

Peter Ernst und ich haben dieselbe Gegend aus verschiedenen Blickwinkeln erlebt, ohne voneinander zu wissen. Hier zum Vergleich die entsprechenden Stellen aus meinem Buch:

In und um Großbeeren dagegen sind allerlei ehrgeizige Bauprojekte fertig geworden. Der Ort ist nur klein, aber sein Bahnhof ist vom Zentrum durch ein riesiges Geschlinge autobahnähnlicher Bundesstraßen getrennt. Bevor Sie sich in den Kopf setzen, Großbeeren mit dem Zug zu besuchen, schauen Sie sich das Verkehrsbauwerk unbedingt auf einem Satellitenbild an und stellen Sie sich vor, wie Sie es überqueren müssten! Dann lassen Sie von diesem Wahnsinnsplan ab.

Von Potsdam aus führte seit preußischen Zeiten eine schnurgerade Großbeerenstraße durch Güterfelde nach Großbeeren. Dann kam die Wende, und als Zeichen der Befreiung wurde diese Straße wie viele andere im Osten gut ausgebaut und ordentlich asphaltiert. Sie erinnern sich: Solidaritätszuschlag, blühende Landschaften und so.

Dann aber zog Bonn nach Berlin um, und eine vom Eisernen Vorgang befreite Bundeshauptstadt braucht nicht nur einen visionär geplanten Großflughafen, sondern auch ein ebensolches Autobahnnetz. Nicht kleckern, sondern klotzen! So wurden auch Potsdam und Großbeeren durch eine Autobahn verbunden. Jedenfalls durch eine Landstraße, die aussieht wie eine Autobahn, Kreuzungsbauwerke und Ausfahrten hat hat wie eine Autobahn und benutzt wird wie eine Autobahn. Dass sie nicht so heißen darf, hat mit dem Umweltschutz zu tun. Die alte, runderneuerte Großbeerenstraße ist dadurch mehrfach unterbrochen, und man muss weitläufige, verwirrende Umwege in alle Himmelsrichtungen fahren, sowohl, wenn man mit dem Auto auf diese neue Schnellstraße gelangen will, als auch, wenn man sie mit dem Fahrrad meiden will.

Wenn man sich dann endlich Großbeeren nähert, führt die neu ausgebaute alte Straße kilometerweit ganz dicht neben der noch neuer ausgebauten neuen her: Straßenbau im fernen Osten und Straßenbau in Hauptstadtnähe zum direkten Vergleich unmittelbar nebeneinander.

In Berlin aber gibt es zwei Großbeerenstraßen. Die eine führt ordentlich Richtung Großbeeren, bis auch sie sich im dortigen Autobahngeschlinge verstrickt. Die andere führt zum Kreuzberg und erinnert an  eine Schlacht.

Und etliche Seiten später, auf dem Weg zum Stern:

Von Norden kommend, haben wir nach diesem filigranen Grenzgebiet bei Kohlhasenbrück unser Ziel schon fast erreicht. Wären wir von Westen gekommen, hätten wir von Großbeeren an all diese Verkehrsbauwerke aus den Zeiten Hitlers, der DDR mit ihren Transitstrecken, der neuen Bundesländer und der Hauptstadtnähe meistern müssen: ein grandioses Freilichtmuseum von Verkehrsplanungen, die sich gegenseitig den Weg versperren, gelegen im lieblichen, menschenleeren Brandenburg. Von Süden aus ist die Herausforderung noch größer: Da durchsetzen Kreuzungsbauwerke, Sackgassen, Kreisverkehre, Fußgängerstraßen und eine Straßenbahnlinie mit Wendeschleifen ein ehemals futuristisches Wohngebiet. Die schnurgerade Waldschneise von Kohlhasenbrück genau nach Süden bis zum Stern heißt Kohlhasenbrücker Gestell. Die ebenso schnurgerade ehemalige Schneise vom Stern nach Südwesten heißt Sternstraße und hat wegen solch moderner Verkehrsplanung sechs Enden.


*) Hanno Wupper: Suche nach der Mitte von Berlin – Eine Annäherung von j.w.d.
Nimwegen 2015, ISBN 978-3-7375-6119-8
, 216 Seiten, € 15,00.

Das Buch ist an Öffnungstagen an der Kasse des Jagdschlosses erhältlich, kann aber auch über den Buchhandel bestellt werden. Im ostpreußischen Restaurant Marjellchen liegt es auf Vorrat.

 

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